Warum Automobil-OEMs massiv in Software und E/E investieren, und warum es so schwer ist
Was sich verändert hat: Das Auto ist ein Softwareprodukt
Autos werden zu Software. Dieser eine Wandel erklärt, warum die E/E-Architektur vom Nebenthema zur Chefsache wurde. Öffnen Sie ein modernes Fahrzeug und Sie sehen Computer statt nur Motor und Fahrwerk. Viele Modelle kommen mit über 100 Mio. Zeilen Code und Dutzenden — teils mehr als hundert — ECUs. Die Funktionen, die Kund:innen wahrnehmen, kommen als Software: Fahrerassistenz, Infotainment und Apps, Komfort-Personalisierungen, Energieoptimierung und Cloud-Dienste. Der Umsatz verlagert sich entsprechend vom Einmalverkauf zu mehrjährigen Updates und Services.
Die Elektrifizierung verstärkt den Trend: Batterien, Thermik, Leistungselektronik und Energiemanagement erhöhen Software- und Siliziumanteil. ADAS und höhere Automatisierung benötigen starke Compute-Leistung und schnelle, verlässliche Vernetzung, um Sensoren zu fusionieren und zu entscheiden. Klassische, stark verteilte E/E-Setups geraten an Grenzen. Kurz: Wert, Differenzierung und Markenwahrnehmung sind heute eng mit Code, Compute und Konnektivität verknüpft.

Die Architektur, die OEMs aufbauen
Branchenweit geht es von vielen Einzel-ECUs zu zonal + zentralisiert:
- Zonale Controller sitzen nah an Sensoren/Aktuatoren, erledigen lokale Aufgaben und bündeln den Verkehr.
- Ein schneller Ethernet-Backbone verbindet die Zonen mit einem/few Zentralrechner(n) (SoCs/GPUs/NPUs) für die schwere Software.
- Die Software folgt dienstorientierten Mustern, damit Features über Trims und Modelljahre konsistent kombinier-/aktualisierbar sind.
Warum dieses Muster wiederkehrt:
- Weniger Hardware-Sprawl. Konsolidierung reduziert doppelte ECUs und Sondervarianten.
- Einfachere Software. Weniger Integrationsflächen, klarere Interfaces — planbarere Lieferung.
- Kürzere, leichtere Kabelbäume. Zonalität reduziert Kupfer und Montage — gut für Reichweite und Fabrik.
- OTA im Maßstab. Stabile Compute-Basis + moderne Netze erlauben große, sichere Over-the-Air-Kampagnen.
Kurz erklärt: Automotive Ethernet (10BASE-T1S, 100/1000BASE-T1) liefert Bandbreite; TSN und 802.1AS sorgen für Timing/Quality-of-Service. Softwareseitig: AUTOSAR Classic für harte Echtzeit; AUTOSAR Adaptive bzw. POSIX-OS für Dienste-Apps — oft via Hypervisor isoliert.
Warum es schwer (und teuer) ist
1. Technologie & Engineering
- Komplette Neuvermessung. Von verteilt → Domäne → Zonal betrifft Power, Kommunikation, Boot-Timing, Diagnose, Security, Safety.
- Echtzeit über Ethernet. Safety braucht begrenzte Latenz/Jitter — TSN-Planung, Zeitsync, End-to-End-Verifikation.
- Thermik & Energie. Zentralrechner ziehen Leistung und Wärme; Packaging, Kühlung, 12V/48V werden neu gedacht.
- Kabelbaum-Redesign. Topologie spart später Gewicht, erfordert aber Vorarbeit, Supplier-Retooling, Werksanweisungen.
- Gemischte Kritikalität. Infotainment & Safety teilen Compute; Isolation via Hypervisor/Safety-Kerne ist Pflicht.
2. Tooling, Tests & Compliance
- Automotive-CI/CD. Modellbasiert + große MIL/SIL/HIL-Farmen gegen Komplexität/Regressionen.
- Validierung wächst. Größerer Einschlagradius → mehr Szenarien und Fault-Injection über Trims/Regionen.
- Cyber & Safety gemeinsam. ISO 26262 und ISO/SAE 21434 durchgängig; jede OTA-Kampagne unter UN R155/R156.
3. Lieferkette & Silizium
- Chip-Engpässe. Fragilität sichtbar; Multi-Sourcing/Puffer, während Nodes, Speicher, AI-Beschleuniger voranschreiten.
- Automotive-KI im Maßstab. High-Speed-PHYs und fortgeschrittene Compute mit Langfristgarantien sind teuer/schwierig.
4. Organisation & Talente
- Neue Muskeln. Rollen wie Product Manager, DevOps, SRE fürs Fahrzeug.
- Talentknappheit. Embedded, Safety, Security sind rar — hoher Preis.
- Arbeitsmodell. Hardware-Gates + agile Release-Trains koexistieren — ohne Qualitätsverlust.
5. Wirtschaft & Timing
- Kosten früh, Nutzen später. Einsparungen nach SOP; Spitzen jetzt (Compute, Prüfstände, Cloud, Teams).
- Zwischenlösungen. Domäne + teils zonal mindern Risiko, dämpfen aber kurzfristige Einsparungen.
- Cloud-Opex. OTA, Telemetrie, Compliance erzeugen laufende Kosten und neue P&L-Logik.

Was der Markt sichtbar macht
- Resets & Verzögerungen. Prominente Umbauten und verschobene Launches zeigen die Härte der Full-Stack-Erneuerung.
- Schrittweises Ausrollen. Next-Gen-Elemente werden in bestehende Plattformen gemischt.
- Tiefe Chip-Partnerschaften. Standardisierung auf Plattformpartner für Zentralrechner & Assistenz-Stacks.
- Ökosystem-Zugkraft. „Digital Chassis“ wird Standard, v. a. für Cockpit und ADAS.
- Kabelbaum-Vorteile. ~1–2 Meilen weniger Leitung und Dutzende Pfund weniger Gewicht pro Fahrzeug.
- Großer Preis. Mehr Silizium pro Fahrzeug; OTA senkt Rückrufkosten bereits signifikant.
Zusammenfassung: Zentrale Erkenntnisse
Thema | Technologischer Fokus | Geschäftliche Wirkung |
---|---|---|
Zonalisierung | Zonale Controller; kürzere, leichtere Kabelbäume; Ethernet-Anbindung an Zentralrechner | Bis zu 60–70 % weniger Kabelbaum; Gewichts-/Montagevorteile; Basis für OTA |
Zentralrechner + Ethernet/TSN | SoCs/GPUs/NPUs; 100/1000BASE-T1; TSN/802.1AS; Hypervisor-Isolation; AUTOSAR Classic + Adaptive | Ermöglicht Sensorfusion, ADAS und großskalige OTA mit planbarem Timing |
Tooling, Tests & Compliance | MIL/SIL/HIL-Farmen; CI/CD; ISO 26262 & ISO/SAE 21434; UN R155/R156 | Reduziert Integrationsrisiko; auditfähige OTA; höhere Vorabinvestitionen |
Organisation & Talente | Produktmanagement; DevOps/SRE fürs Fahrzeug; Hardware-Gates + agile Trains | Schnellere Lieferung bei Besetzung; Talentknappheit treibt Kosten |
Wirtschaft & Timing | Domäne→Zonal-Hybride; Thermik/Power-Redesign; laufende Cloud-Opex | Nutzen nach SOP; früher Capex/Opex-Peak; Rückrufkosten sinken via OTA |
Plattform-Denken | Plattform-Governance; Partner-Ökosystem; Developer Experience; Lifecycle-P&L | Nachhaltige Feature-Velocity; Wiederverwendung über Trims/Modelle; besserer ROI |
Das EV-Global Fazit
Das ist keine Trendstory, sondern die Beschreibung eines Branchenwandels. Wenn Autos software-definiert werden, erklärt sich E/E-Investition von selbst: weniger Boxen, intelligentere Netze, updatefähige Stacks, die Features über die Fahrzeuglebensdauer tragen. Der Weg ist holprig — die Richtung ist klar.